
Mäßigkeit
Das «Genug»-Gefühl
Wie wir Kindern in einer Welt des Überflusses Mäßigkeit beibringen.
Cornelia Dell’mour
Lehrerin
«Nein, Mama – ich warte auf meinen Geburtstag!» Fassungslos stehe ich vor meinem Elfjährigen. Seit einem Jahr wartet er auf den neuen Band seiner Lieblingsbuchreihe «Snöfrid aus dem Wiesental». Kurz vor seinem Geburtstag wurde das Paket geliefert, nun liegt es in meinem Schlafzimmer. Calvin weiß von seinem Geburtstagsgeschenk. Das Wochenende kommt, und ich möchte ihm mehr Lesezeit gönnen. So schlage ich vor, das Buch schon am Freitag statt erst am Sonntag – seinem Geburtstag – auszupacken. Seine Antwort verblüfft mich. Er möchte sich die Vorfreude nicht kaputtmachen. Er möchte sich erst an seinem Geburtstag genussvoll auf die Couch legen und in die Fantasiewelt des kleinen Wesens eintauchen.
Mir ist dieser Zugang fremd. Beschämt merke ich: Ich kann viel schlechter warten, mich schlechter beschränken. Ob auf der Arbeit, beim Kaufen, beim Bildschirm oder am Süßigkeiten-Regal – Mäßigkeit zählt zu den Bereichen meines Lebens, in denen das Lernpotenzial groß ist. Die Leichtigkeit meiner Kinder, mit der sie in der Regel «genug» empfinden und sich das für sie gut anfühlt, bringt mich zum Nachdenken. Ich weiß, dass ihr präfrontaler Cortex – jener Teil des Gehirns, der für Impulskontrolle und das Abwägen von Konsequenzen zuständig ist – noch nicht voll entwickelt ist. Kinder sind von Natur aus auf «jetzt und sofort» ausgerichtet. Mäßigkeit ist keine Frage des Willens, keine angeborene Eigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die geübt werden will. Was hat ihnen geholfen, dieses gesunde Gespür zu entwickeln, das man gewinnt, wenn man warten und sich begrenzen kann? Haben sie die besseren Charaktereigenschaften ins Leben mitbekommen?
Verfügbarkeit und Verlässlichkeit als stabiles Fundament
Es gilt als eines der bekanntesten psychologischen Experimente – der Marshmallow-Test der späten 1960er Jahre, bei dem Kinder genau darin getestet werden: Können sie warten, um zwei Marshmallows zu erhalten, oder wird das erste gleich verschlungen? Viel zitiert ist, dass die Kinder, die warten können, gesünder sind, erfolgreicher und stabiler werden. Einige Jahrzehnte später warfen Forscher um Celeste Kidd von der University of Rochester einen neuen, revolutionären Blick auf das Experiment. Sie zeigten, dass das Warten nicht nur eine Frage der inneren Strategie ist, sondern stark von Erfahrung und Vertrauen abhängt. Neuere Wiederholungsstudien (z. B. von Tyler Watts, 2018) zeigten zudem, dass der familiäre und finanzielle Hintergrund eine massive Rolle spielt. Kinder aus ärmeren Verhältnissen oder instabilen Lebenslagen neigen eher dazu, die Belohnung sofort zu nehmen. Nicht, weil es ihnen an Charakter mangelt, sondern weil ihre Alltagserfahrung ihnen zeigt: Ressourcen sind knapp und morgen vielleicht weg.
Das Marshmallow-Experiment ist kein Beweis für angeborene Charaktereigenschaften, erzählt aber in Wirklichkeit von Umwelt, Vertrauen und erlernbaren Strategien. Kinder, die in stabilen, verlässlichen Verhältnissen aufwachsen und erfahren, dass Warten sich lohnt, entwickeln eher Geduld als Kinder, bei denen das nicht der Fall ist. Eine schmerzhafte Erinnerung aus meiner eigenen Kindheit ist, dass ich als Kind zwischen Mangel und Überfluss schwankte und ich es mir gefühlt nicht «leisten» konnte, darauf zu vertrauen, dass später noch mehr kommt. Das ist keine Entschuldigung, aber erklärt, warum die Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit, in der meine Kinder aufwachsen dürfen, die wichtigste Voraussetzung für das Erlernen von Mäßigkeit ist.
Kleine Rituale mit großer Wirkung
Es sich genügen zu lassen, lernt man nicht durch einen einzigen Vortrag, sondern durch Hunderte kleine wiederkehrende Momente. Rituale sind dabei besonders wirkungsvoll, weil sie Struktur schaffen, ohne dass jeden Tag neu verhandelt werden muss. In unserer Familie feiern wir beispielsweise einen wöchentlichen Ruhetag. Da Kinder mit dem Begriff «Ruhe», nach der wir Erwachsene uns so sehnen, oft nicht viel anfangen können, deklarieren wir ihn als «Feiertag». Es wurde der feste Moment, in dem die Kinder die Süßigkeiten essen durften, die sie unter der Woche gesammelt hatten, und in dem sie «Die Sendung mit der Maus» schauen durften. Mit welcher Selbstverständlichkeit sie schon vor ihrem Schuleintritt eine ganze Woche darauf warten konnten, erstaunt mich noch heute. Zugleich weiß ich: Sie taten es, weil sie sich felsenfest darauf verlassen konnten, dass dieser siebte Tag verlässlich wiederkehrt. Das bedingte natürlich, dass die Süßigkeiten unter der Woche nicht offen auf dem Tisch standen und kein Fernseher sie ständig daran erinnerte.
Man kann sich Rituale suchen, die für den eigenen Familienalltag passen: Das «Erst ..., dann ...»-Ritual, um den Belohnungsaufschub zu trainieren. Die «Wunsch-Wartezeit», um zwischen echten Wünschen und Impulsen zu unterscheiden. Der «Schatz-Teller» mit einer festen Anzahl Süßigkeiten statt der ganzen Packung am Tisch oder die digitale Auszeit, bei der alle Familienmitglieder ihre Bildschirme ausschalten. Auch Dankbarkeitsrituale sind ein leiser, aber wirksamer Gegenpol zur Konsumlogik des Alltags.
Gefühle erkennen und benennen
Wenn ich in mein Leben schaue, ist Unmäßigkeit oft ein Ventil für Frustration, Langeweile oder Traurigkeit. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder ihre Gefühle kennen und benennen können. Seit einiger Zeit hilft uns zu Hause ein Gefühlstagebuch, in dem Emotionen als visuelle Figuren dargestellt werden, um den Tag rückblickend einzuordnen. Kinder brauchen konkrete Strategien, um sich wieder zu beruhigen oder sich geborgen zu fühlen. Berührung – eine Umarmung, eine Hand auf der Schulter, Wärme in der Stimme – kann in Stress und Traurigkeit mehr bewirken als jedes Gespräch. Bewegung hilft, emotionale Spannung zu lösen. All das setzt Erwachsene voraus, die anwesend, aufmerksam und zugewandt sind.
Altersgerecht heranführen
Mäßigkeit lässt sich nicht mit einer Methode und nicht für alle Altersgruppen gleich vermitteln. Kleinkinder und Kindergartenkinder brauchen konkrete, einfache Ankerpunkte: Bilder, Farben und kurze Wartezeiten. Was sie nicht haben sollen, sollte nicht in ihrer Umgebung sein. Das gilt besonders für Bildschirme. Kinder im Grundschulalter profitieren davon, in die Regelgestaltung einbezogen zu werden. Eine klare Tagesstruktur hilft und erspart unzählige Diskussionen. Gleichzeitig hilft es, authentisch und laut zu reflektieren, was einem selbst noch nicht so gut gelingt. Nun, da sie Teenager werden, brauchen sie einen anderen Zugang und es lassen sich abstrakte und biologische Konzepte mit ihnen besprechen: Warum verliert man am iPad das Zeitgefühl? Warum macht Social Media vor 16 keinen Sinn? Warum fühlt sich das Spielen am Computer im Gehirn so belohnend an?
Belohnungssysteme – Hilfe oder Falle?
Stempelkarten, Punktesysteme, Belohnungskalender: Sie sind verbreitet und funktionieren vor allem bei jüngeren Kindern gut. Der sichtbare Fortschritt ist für die meisten motivierend. Doch es gibt einen wichtigen Vorbehalt: Wer Kinder für jedes erwünschte Verhalten mit externen Belohnungen überhäuft, riskiert, dass die innere Motivation schwindet. Die Psychologie nennt das den Korrumpierungseffekt – sobald die Belohnung wegfällt, fällt auch das Verhalten weg.
Nachhaltiger ist es, Mäßigkeit als befriedigend zu erleben – nicht als Opfer, für das man Punkte kassieren muss. Das gelingt vor allem durch begleitende Gespräche: «Wie hat sich das angefühlt, als du aufgehört hast, obwohl du noch wolltest?» Solche Fragen stärken die Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit, die eigene Impulskontrolle als persönliche Stärke zu erleben. Wenn Belohnungen eingesetzt werden, sollten Erlebnisse den Vorzug vor materiellen Dingen erhalten: ein gemeinsamer Ausflug, ein Spieleabend, eine selbst gewählte Aktivität. Erlebnisse hinterlassen tiefere Eindrücke – und stehen nicht im Widerspruch zu dem, was man eigentlich vermitteln möchte.
Meine Kinder haben eine Habit-App entdeckt und nutzen sie gern, um sich selbst zu strukturieren. Ich sehe dabei zu, wie sie sich freuen, wenn sie alle ihre Gewohnheiten geschafft haben, und helfe ihnen, auch mal mit sich selbst gnädig zu sein, wenn nicht alles gelingt. Sie haben sich selbst eine Belohnung ausgedacht: Wir werden in ungefähr 250 Tagen das Legoland besuchen. Was bleibt mir noch? Mir bleibt die Dankbarkeit, dass es meine Kinder so gut haben dürfen und dass sie etwas mit Leichtigkeit in ihrer Kindheit lernen durften, mit dem ich als Erwachsene noch heute kämpfe.
Mäßigkeit zu vermitteln bedeutet keineswegs, Kindern mit Verboten die Freude zu nehmen. Es bedeutet, ihnen beizubringen, dass sich «genug» – wirklich genug – gut anfühlen kann. Dass man aufhören kann, bevor es zu viel wird und sich dabei nicht als Verlierer fühlt, sondern als jemand, der sich selbst kennt. Das ist keine kleine Sache. In einer Welt, die ununterbrochen auf ein «Mehr» ausgelegt ist, ist dies aber eine der wertvollsten Fähigkeiten, die wir unseren Kindern mitgeben können. Und der schöne Nebeneffekt: Ich selbst lerne dabei am meisten.
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